Presseartikel
Superb spielendes Orchester (Waiblinger Kreiszeitung, 2010-07-16)
Winnenden. Die vielen treuen Fans der Tübinger
Studentenphilharmonie sind am Mittwoch bei
subtropischen Temperaturen nicht enttäuscht worden.
Das Orchester steht für Güte, Qualität und hohes
Engagement. Und so konnte man in der Hermann-
Schwab-Halle bei der Sommernachtsklassik des Lions
Clubs Winnenden auch den musikalischen Durst
löschen.
Erstaunlich, was ein professioneller Dirigent wie der Leipziger
Thomas Hauschild aus einem hoch motivierten Laienorchester
herauslocken kann. Man sucht nicht leichtere Werke aus
Barock oder Klassik oder ein gefälligeres Werk der U-Musik,
sondern bewegt sich in allerhöchsten Höhen. Es muss schon
Strauss, Schostakowitsch und Schubert sein, wenn die
Jungakademiker aus ihrer Studierstube hervorgelockt werden
wollen.
Publikum ist Dissonanzen gewöhnt
25 Jahre alt war der junge Kapellmeister Richard Strauss, als
er „Tod und Verklärung“ als seine dritte Tondichtung schrieb.
Nicht gerade ein Thema, das man in diesem Alter vermutet.
Sterben und Todeskampf eines Menschen, geschildert in
naturalistischen Details, und schließlich der Tod als Erlösung,
das Jenseits, wo man in der gesuchten Verklärung Frieden und
unendliche Ruhe findet. Kritikerpapst Hanslick fand in dieser
großen sinfonischen Tondichtung eine „grausige
Dissonanzenschlacht“ vor. 130 Jahre später ist das Publikum
solchen Kummer gewöhnt, genießt die superb aufspielenden
Bläser, den satten Sound und die großartige
Orchestrierungskunst, die auf die großen Opernwerke Strauss’
hinweist.
Angestrengter Schostakowitsch
Man war vorgewarnt. Mitglieder des Ensembles sprachen von
„herb und schwer verdaulich“. Die Rede ist von Dmitri
Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 2, entstanden nach langen
depressiven Phasen und mehreren Herzinfarkten in einem
Sanatorium auf Jalta. Die Revolutionszeit und Josef Stalin hatte
er glücklich überstanden, jetzt reduzierte der große Sinfoniker
seine musikalischen Mittel. Gleichzeitig erfuhr seine Musik eine
Schärfung der Harmonik. In der Schwabhalle bewunderte man
den erst 22 Jahre jungen Stuttgarter Cellisten Merlin Schirmer,
der sich des sperrigen und unkonventionellen Werkes
angenommen hatte.
Die gefühlte Lockerheit der Tübinger Studenten wich einer
gespannten Angestrengtheit, die dem Werk nicht gut tat.
Dunkelheit und Düsternis, in Musik verpackt, das ist ohne
Einführung in das Werk kaum nachzuempfinden und wirkt
bedrückend.
Bei Franz Schuberts h-Moll-Sinfonie (genannt „die
Unvollendete“) kann man nicht viel falsch machen. Man kennt
die Themen, kann sie in Gedanken mitsingen. Zwei Sätze samt
einigen Skizzen eines Scherzos waren zu hören. Die beiden
Sätze bilden eine enge Einheit. Beide basieren auf einem
Dreiermetrum, stehen im annähernd gleichen Tempo, und dies
lässt die Vermutung zu, dass Schubert die Sinfonie tastsächlich
für innerlich abgeschlossen hielt. Aber irgendwie fehlte doch
noch etwas am Schluss.
Konzerterlös für Schulprojekte
Wieder galt es für den Lions Club, die Klassenkasse
aufzufüllen. Klassenkasse, das steht für soziale und musische
Projekte an Schulen. Tunnelfest und Glühweinverkauf haben
zur Füllung der Kasse beigetragen. So auch dieses 13.
Benefizkonzert, für das die Tübinger aufrichtigen Applaus
ernteten, der nicht enden wollte.
Farbsatt und voll dunkler Wehmut (Schwäbisches Tagblatt, 2010-02-13)
Das Winterkonzert der Tübinger Studentenphilharmonie im Festsaal mit Werken von Mahler, Schumann und
Tübingen. Seinem „klassischen“ Programmaufbau bleibt Dirigent Thomas Hauschild treu; Ein eröffnendes „Ouvertüren“-Stück, ein Solokonzert, eine Symphonie. So schafft er damit immer wieder interessante Konstellationen, holt manches wenig beachtete Werk hervor.
Mahlers „Totenfeier“ wurde in späterer Umarbeitung zum Kopfsatz seiner „Auferstehungs-Symphonie“. Aber auch in der früheren Version als eigenständige symphonische Dichtung kann der 20-minütige Satz bestehen, wird so vielleicht überhaupt erst erkennbar als in sich abgeschlossene Dramaturgie.
Die 70 Musiker(innen) der Studentenphilharmonie erwiesen sich beim Winterkonzert am Donnerstag im Uni-Festsaal vor 650 Zuhörern einmal mehr als aufeinander eingeschworene Orchestergemeinschaft, als ein symbiotisch ineinander greifender Klangkörper. Gerade an den heiklen Stellen dieser herausfordernden Partitur spürte man den kollegialen Gemeinschaftsgeist, die mithörende, empathische Aufmerksamkeit. Hauschild dirigierte wie zumeist auswendig, führte sein Ensemble mit packender Suggestivkraft durch die komplexen Rhythmen und tragischen Konflikte, auf die offen liegenden Violinhöhen hinauf: eine Totenfeier auch für die absterbende Kultur des Fin de siècle.
Mit unerbittlicher Härte, schroff abgerissen, wüteten zu Beginn die Sechzehntel in Celli und Bässen. Immer wieder klafften Abgründe, spannungsvoll leere Pausen, in denen die Musik geradezu in sich hineinzuhorchen schien. Und immer wieder war der für die „Studphil“ typische Sog zu spüren, wenn sich in dichtem Anschluss Einsätze verzahnten, vorwärts trieben und von den Blechbläsern gekrönt zu einem grandiosen Crescendo aufliefen, das einem den Boden unter den Füßen wegzog.
Danach wirkte Schumanns Introduktion und Allegro appassionato für Klavier und Orchester op. 92 recht brav und harmlos. Der 1972 geborene Florian Wiek, Klavier-Professor in Stuttgart, hatte auf dem Steinway mit perlendem Legato und romantischem Schmelz zwar den idealen „Schumann-Ton“, auch gingen die Klangfarben von Klavier und Orchester schön ineinander auf, aber einiges im Solo-Part hätte schwärmerischer, extrovertierter sein dürfen, wirkte so eher beiläufig. Gegen über der Introduktion gewann Wiek im Passionato an Profil und Kraft, in den kleinen Kadenzeinwürfen auch an Freiheit, aber nicht unbedingt an Leidenschaft.
Rundum aus einem Guss und voller Energie war dafür Brahms´ Dritte Symphonie F-Dur op. 90, hier begeisterten zumal die zahlreichen Bläsersoli, allen voran das Horn, aber auch die Klarinetten im zweiten Satz, die geschmeidigen Fagott-Linien. Besonders gelungen waren die verklingenden Satzschlüsse, das noch einmal Anheben und in einem nur kurzen Abgesang Verschwinden. Am schönsten war der dritte Satz mit seinen singenden Celli, der Orchesterklang farbsatt, voll dunkler Wehmut.
Achim Stricker
Den Marsch geblasen (Schwäbisches Tagblatt, 2009-07-18)
Sommerkonzert der Studentenphilharmonie
Dirigent und Solist in einer Person: Das Horn in der linken, führte Thomas Hauschild die Studentenphilharmonie mit der rechten Hand bis zu seinem ersten Solo-Einsatz. Kantabler Schmelz und vokales Timbre in Mozarts Hornkonzert Es-Dur KV 495.
Hauschild, seit 2001 Horn-Professor an der Leipziger Musikhochschule, entwickelte einen feinsinnigen Romanzen-Ton, ein weich angesetztes Legato mit leicht überhauchtem Piano, das besonders im langsamen Satz mit seinen abschattierten Echo-Wiederholungen zur Geltung kam. Unterdessen kommunizierte die Kammerbesetzung unter Konzertmeister Jochen Narciß selbständig, hielt minutiös das Tempo, balancierte aufmerksam die Dynamik aus. Anhaltender Applaus der rund 700 Zuhörer beim Sommerkonzert am Donnerstag im Uni-Festsaal.
In Webers „Freischütz“-Ouvertüre schlug dann die Stunde der Blechbläser: Waldesweben mit klangsattem Horn-Quartett. Hauschild, der zumeist alle Partituren im Kopf hat, dirigierte auch hier auswendig und feuerte das Orchester zu spannungsgeladenen Stimmungen an. Im Tutti ist die Studentenphilharmonie einfach unübertrefflich mitreißend und bedingungslos leidenschaftlich – bereit, alles zu geben. So waren auch hier die Fortissimo-Schübe aus dem Blech wieder überwältigend, wenngleich sie die Streicher glatt übertönten.
In den letzte Jahren war die Studentenphilharmonie immer großzügig mit vierfachen Bläsern ausgestattet: Ein Luxus für Orchester und Publikum, der sich mit der Fluktuation der nächsten Semester wesentlich ändern könnte. So bekam die aktuell noch stattliche Bläser-Besetzung nach der Pause noch einmal Gelegenheit, ihre Qualitäten zu zeigen: In vier von Mauricio Kagels „Märschen, um den Sieg zu verfehlen“ aus der Polit-Satire „Der Tribun“ für „politischen Redner, Marschklänge und Lautsprecher“. Großartig entlarvt Kagel hier Versatzstücke aus der Militärmusik und entstellt sie gewissermaßen zur Kenntlichkeit: Flatternde Fetzen von Trompetensignalen treten wirr auf der Stelle, Posaune und Tuba sammeln isoliert vor sich hin, aufgekratztes Gezeter von der Klarinette – Kriegsmusik im Leerlauf, ineinander verkeilte Aufmärsche. Eine herausragende Leistung der „Blaskapelle“ und der Schlagwerker – und starker Beifall im Saal.
In Beethovens Fünfter Symphonie c-moll op. 67 war die Studentenphilharmonie erst etwas vom eigenen Feuer hingerissen – durchaus mit der richtigen Verve musiziert, aber auch atemlos und verhastet. Dafür durchströmte das Andante eine umso tiefere Ruhe, euphorisch beseelt, mit wunderschönen Holzbläser-Stellen und samtig durchgearbeitetem Streicherklang. Firm und geschlossen drängte das Scherzo bis zum großen Durchburch „von der Nacht zum Licht“, dem Finale mit überschwänglicher Wucht und prächtigem Blech.
Zum Dank für den frenetischen Beifallsjubel gab es mit Verdis „Nabucco“-Ouvertüre noch eine ausgewachsene Zugabe und einen letzten Auftritt für Blech und Schlagwerk.
Ein Hoch auf das Orchester! (Winnender Zeitung, 2009-07-17)
Winnenden. Wer damit gerechnet hatte, Verdis
Ouvertüre zu seinem „Nabucco“ auch als Entrée des
Sommerkonzerts zu hören, wurde angenehm
enttäuscht. Thomas Hauschild zog gleich den Trumpf
aus dem Ärmel, erschien mit dem Horn in der Hand auf
dem Podium und begann mit Mozarts viertem
Hornkonzert. Vor seinem Dirigentenleben war er ja ein
gefeierter Hornist.
Das vierte Hornkonzert ist ein schönes Beispiel der Gattung.
Jagdfanfaren, Echowirkungen, lang gesponnene Liegetöne
erinnern an die ventillose Zeit des Waldhorns. Wie Mozart mit
dem feinen Klangsinn des Horns spielt, das konnte man in der
Schwabhalle mit Freude und Genuss am Aufspiel der Tübinger
Studenten und ihrem solistischen Dirigenten nachvollziehen.
Wohl keiner der über 100 Philharmoniker saß schon einmal im
Orchestergraben eines Opernhauses, hat sich mit der groß
besetzten Sinfonik Giuseppe Verdis auseinandergesetzt. Die
Vorfreude wurde spürbar bei den verstärkten Streichern und
den vorzüglich disponierten Bläsern. „Nabucco“ war die große Erfolgsoper des genialischen Italieners, und als in der
Potpourri-Ouvertüre dann auch noch der beliebte
Gefangenenchor anklang, war die Begeisterung bei Zuhörer
und Mitspieler groß.
Die Begeisterung für Militärmusik bei Mauricio Kagel hält sich
hingegen in Grenzen. So nennt er die 1980 entstandenen
Marschklänge „10 Märsche, um den Sieg zu verfehlen“.
Marschmusik verfremdet, und das vom Neutöner Kagel? Mit den
Kagel’schen Verzerrungen wäre jeder Soldat aus dem Tritt
gekommen und hätte wohl einen Kriegseintritt verhindert. Die
gut gelaunten Tübinger Bläser hatten Spaß an den schrägen
Tönen und den verqueren Rhythmen. Dass nur vier Märsche
ertönten, war im Sinne des Komponisten. Er hat sich gegen
eine vollständige Aufführung gewandt.
Ta-ta-ta-taaa, klopft hier das Schicksal an die Pforte, oder war
dies nur ein geschickter Einfall von Beethovens Biografen?
Sei’s drum. Ein ganzes urgewaltiges sinfonisches Gebäude ruht
auf diesem Zweiton-Motiv. Fast ein wenig zu forsch packte
Hauschild das Allegro con brio des ersten Satzes an, rechnete
mit dem jugendlichen Ungestüm seiner Musiker. Das lyrische
Andante wurde zum ruhigen Gegenpol; im Scherzo profilierten
sich die vorzüglichen tiefen Streicher. Die jubilierenden
Fanfarenklänge des Finalsatzes verdrängten alles Düster-
Bedrohliche.
Ein Hoch auf die Studenten-Philharmonie, die bis auf einige
Hänger im hohen Holz in allen Registern brillierte!
Klingende Kulissen (Schwäbisches Tagblatt, 2009-02-14)
Gischtschäumend: Das Winterkonzert der Studentenphilharmonie Tübingen.
Smetanas „Moldau" ist
das wohl bekannteste Paradebeispiel
für „Programm-Musik" - ein
erzählerisches Tongemälde. Auch Sibelius
hat in seiner frühen Karelia-Suite, 1893 für eine Studentenkorporation
geschrieben, drei Szenen aus
der karelischen Landesgeschichte in
klingenden Kulissen geschildert.
Mitunter ist sein munterer Volkston
nicht weit entfernt von der ländlichen
Hochzeitsszene der „Moldau".
Bei ihrem Winterkonzert kombinierte
die Tübinger Studentenphilharmonie
die beiden populären
Werke mit Cäsar Francks grüblerisch
metaphysischer Symphonie d-moll.
Von Beginn an herrschte im Orchester
eine statische Schwere, gegen die
Thomas Hauschild - auswendig dirigierend
- mit Kraft und Tempo ansteuerte.
Schon die Streichertremoli
im ersten Satz der Karelia-Suite traten
unter den Horn-Rufen etwas auf
der Stelle. Im langsamen Satz wurde
das „dolce" von schwermütigen Farben
überschattet. Dafür zog das Orchester
im marsch-artigen Finale
beflügelt mit schmetternden Trompeten
nach vom. Hier triumphierte
denn auch wieder der ganz eigene
Ton der Studentenphilharmonie
(Konzertmeister: Jochen Narciß): ein
warmer, samtiger, großzügig sinnlicher
Klang, die nie in sterile Künstlichkeit
verfällt. Eine besondere Stärke
hat das Ensemble in der bedingungslosen
Kraftentfaltung, der völligen
Entfesslung mit Rückendeckung
durch Blech und Schlagwerk -
wie vor zwei Jahren bei Bruckners
Dritter Symphonie. Auch am Donnerstag
gab es wieder einige dieser
überwältigenden Stellen, wenn das
großbesetzte Ensemble etwa
gischtschäumend und strudelnd die
St Johann-Stromschnellen der Moldau
hinabdonnerte. Bei kaum einem
anderen Orchester hat das Crescendo,
das Sich-Zusammenfinden und
zum Tutti Formieren eine so mitreißende
Sogwirkung - ein hörbar gemeinschaftliches
Ziehen an einem
Strang. Ausgesprochen schön und
durchscheinend war am Donnerstag
der Violinenklang, zumal im „Nymphenreigen"
über der nächtlichen
Moldau. Das Fluss-Epos begann
schnell, hastig erregt, ein hervorstürzender
Wildbach, den die Flöten
aufwühlten. Auch in der „Moldau"
rückte Hauschild Trompeten und
Hörner oft in den Vordergrund. Eine
häufige Schwachstelle an diesem
Abend waren leider die Oboen.
Hinter Francks Symphonie
scheint ebenfalls ein - wenngleich
abstraktes - Programm zu stehen:
vielleicht der verzweifelte Kampf einer
Seele um Erlösung. In der monumentalen
Interpretation der Studentenphilharmonie
wurde die betäubende,
mitunter fast erstickende
Schwere spürbar, mit der dieses Ich
rang. In seinen Befreiungsschlägen
gab es wieder diese beispiellos packenden
Momente, wenn die Studentenphilharmonie
zu großen
Crescendi ansetzte und apokalyptische
Visionen heraufziehen ließ.
Elegisch klagte das Englischhorn im
langsamen Satz zur Harfe, wie ein
dahinschwebender Trauerzug reihten
sich die Variationen an. Im Finale
zuletzt fiel die ganze Last ab, etwas
schien seine Flügel auszubreiten
und zum Höhenflug anzusetzen.
Dann explodierten im Orchester
ganze Gloriolen aus gleißendem
Weiß, Gold und Marmor. ach
Faun im Mittagsschlaf (Schwäbisches Tagblatt, 2008-02-09)
Die Studentenphilharmonie im Uni-Festsaal
TÜBINGEN (ach). Gleich zwei Jubiläen kann die Tübinger
Studentenphilharmonie dieses Semester feiern: Vor 40 Jahren, Ende des
Wintersemesters 1967/68, trat sie erstmals in symphonischer Besetzung
auf, seit zehn Jahren ist Thomas Hauschild Dirigent des Orchesters.
Unter seiner Leitung hat sich die Studentenphilharmonie zumal mit
romantischer Symphonik hervorgetan - letzten Sommer erst mit einer
beeindruckenden Aufführung von Bruckners Dritter Symphonie. Auch
Tschaikowsky stand immer wieder auf den „Studphil"-Programmen der
letzten Jahre: Nach 6. und 4. Symphonie war am Donnerstag im sehr gut
besuchten Uni-Festsaal Tschaikowskys Fünfte zu hören.
Zu Beginn unternahm das Orchester einen seiner seltenen Ausflüge in
den Impressionismus. Débussys „Prélude à l'après-midi d'un faune"
(Vorspiel zu „Nachmittag eines Faun") verlangt vom Dirigenten die
„schmutzige" Quadratur des sauberen Kreises, will zugleich
ätherisch-transparent und doch nach brütend schwüler Begierde klingen:
Das zugrunde liegende Mallarmé-Gedicht schildert die erotischen
Fantasien eines in der Mittagshitze dösenden Fauns. Bei einer
Aufführung des Balletts 1912 löste der Tänzer Vaclav Nijinski mit
einer „eindeutigen" Spontan-Performance einen handfesten
Theaterskandal aus. Die Musik selbst wirkt wesentlich sublimer. Die
Interpretation der Studentenphilharmonie geriet zudem recht züchtig
und beschaulich. Trotz Ulrike Lunows schöner Flöten-Soli und bei aller
gestalterischen Finesse fehlte doch die gewisse Laszivität.
In Charles Ives' „The unanswered question" (1906/1935) stellt eine
einsame Trompete die bei jeder Wiederholung dringlichere Frage nach
dem Sinn des Lebens. Ein Flötenquartett (die vier klassischen
Fakultäten?) gibt erst selbstbewusst Antwort, dann zunehmend
hilfloser, verworrener. Im Hintergrund fließt ein unendlich langsamer
Streicherklang - der von alldem unbeeindruckte Kosmos. Hier
begeisterten die sternklaren Sphärenklänge der Streicher, die
gehetzt-geschäftigen Gesten der Flöten, die sich zuletzt zum
dissonanten Knäuel ballten. Durch eine geöffnete Emporentür klagte die
Trompete in den Saal herunter. Ihre letzte Frage verhallte ohne
Antwort.
Nach der nur 20-minütigen ersten Hälfte trumpfte die
Studentenphilharmonie mit einem klangsatten Tschaikowsky auf. Gern wird
die 5. Symphonie als „oberflächlich" und „einfallslos" gescholten.
Die stellenweise minimalistische Harmonik, die Konzentration auf ein
zentrales Thema, das als etwas überstrapaziertes „Schicksalsmotiv" die
Sätze durchzieht, mögen damals fortschrittlich gewesen sein, wirken
aber oft unorganisch und gewollt. Die Studentenphilharmonie setzte
romantischen Schmelz und beflügelten Schwung dagegen. Hauschild
dirigierte auswendig und ließ dem Orchester bei den zahlreichen
Tempowechseln viel agogische Freiheit. Dunkel, beklommen begann der
erste Satz, um dann in trocken punktierten Marschrhythmen seinen
schnittigen Höhepunkten entgegenzutreten. Starke Momente waren die
Tutti-Stellen mit vollem Blech an den Satzenden. Im Andante
(Horn-Solo: Thomas Wiedemann) griffen schwellende Crescendi und
„belebende" Aufschwünge ineinander, jeder Stimmeinsatz schloss an den
anderen an. Geschmeidig der „Walzer", mit majestätischem Stolz zog das
Finale ein.
Keine Angst vor dem Ausbruch (Schwäbisches Tagblatt, 2007-07-14)
Jeder Satz öffnete neue Räume: Die Studentenphilharmonie ließ den Festsaal beben
TÜBINGEN (ach). Bruckners Dritte Symphonie, die in der Fassung letzter Hand (1889) am Donnerstag einen gut besuchten Festsaal aufhorchen ließ, dürfte das bislang schwerste Werk in der Geschichte der Tübinger Studentenphilharmonie gewesen sein. Um sich ganz auf den symphonischen Koloss konzentrieren zu können, hatte Dirigent Thomnas Hauschild als leichtes Vorprogramm zwei kleinere Frühwerke ausgewählt: die Serenade op. 7 des erst 17-jährigen Richard Strauss und eine einzeln stehende Ouvertüre B-Dur (D 470) des 19-jährigen Schubert. Für 13 Bläser geschrieben, wurde in der Serenade das Kontrafagott mangels Instument durch einen Kontrabass ersetzt.
Sommerlich gut gelaunt
Sommerlich gut gelaunt die hübsche Musik, die Hauschild ohne Taktstock mit geschmeidig schweifender Zeichengebung führte. Ebenso gefällig, aber weit weniger einprägsam war der Schubert. Hier entschädigte der warme, festliche Streicherklang, die emphatische Spiellust für die recht formelhafte Rhetorik. Beide Werke dauerten jeweils nur etwa zehn Minuten, so dass sich das Publikum nach ungewohnt kurzer Zeit schon in der Pause wieder fand.
Eine pulsierende Urnacht
Die Studentenphilharmonie hatte aber wirklich gut daran getan, einen so unbeschwerlichen Vorspann zu wählen, denn die folgenden 60 Minuten Bruckner waren derart aufgeladen, überreich und vollendet, dass man vor dieser Leistung nur den Hut ziehen kann. Schon die ersten Takte - Misterioso - spannten einen kosmischen Raum aus, eine pulsierende Urnacht, aus der die Bläsereinsätze weißglühend herausstrahlten.
Generationen von Hörern fanden das erste Thema befremdend, hier verstand man seinen stockend verqueren Gestus, weil jede Fermate ideal gewichtet war. Vom Feinsten der ausbalancierte Orchesterklang, jede Formulierung präzise im Ausdruck, agogisch hochflexibel, doch rhytmisch exakt. Hauschild gehört nicht zu den Dirigenten, die vor dem gewaltigen Ausbruch im letzten Moment Skrupel bekommen und die Notbremse ziehen. Wenn sich in der Musik Abgründe öffnen, steuert er mit souveränder Ruhe und Entschlossenheit darauf zu.
Manchmal war die Spannung kaum noch auszuhalten, wenn die Blechbläser das ganze Orchester vor sich her trieben und zur berstenden Fermate aufstauten. Am Ende des ersten Satzes donnertenhorizontweite Wasserfälle, Kaskaden aus zersplitterten Akkorden nieder, dass der Festsaal den Atem anhielt. Vor dem Adagio mussten sich Orchester und Dirigent erst einen Moment besinnen. Jeder Satz eröffnete neue, ungeahnte Räume - so herrlich, man wird Bruckners Dritte in nächster Zeit besser meiden, um nicht enttäuscht zu werden.
Und ein Abschied
Zum Schluss dämpfte Hauschild den frenetischen Applaus, um sich schweren Herzens von seinem Konzertmeister Bernd Müller zu verabschieden, der die Studentenphilharmonie nach 19 Jahren verlässt.