Ein Konzert in d

Schwäbisches Tagblatt
Samstag, 4 Februar, 2012



Tübingen. Es war ein Konzert in d. Alle drei Werke des Programms changierten zwischen der traditionellen, düsteren "Requiems-Tonart" d-Moll und dem in Streichern und Blech besonders hell strahlenden D-Dur. Vor 850 Zuhörern im Uni-Festsaal gab die Studentenphilharmonie unter Thomas Hauschild am Donnerstag nach Auftritten in Freudenstadt und Metzingen ihr Winterkonzert.
Auch Johannes Brahms'  „Tragische Ouvertüre“ endet nach versöhnlichen Dur-Aufhellungen mit
einem unerbittlichen Lauf in schicksalshaft hämmernde Moll-Akkorde. Das ernste Gegenstück zur „Akademischen Festouvertüre“ wirkt eher heroisch als tragisch, stoisch gefasst, in würdevoller Gründerzeit-Monumentalität. 

Abgründe unter Meeresoberfläche

Hier entfaltete die Studentenphilharmonie (Konzertmeister: Jochen Narciß-Sing) einen schönen symphonisch-romantischen Klang mit vollen Streichern, weichen Holzbläser-Mischungen und kraftvoll auffahrendem Blech. Das Tempo war leicht zurückgenommen, so dass auch sonst Nebensächliches stärker zur Geltung kam: etwa die synkopische Streicherbegleitung über Horn und Fagott, die wie eine pulsierende Meeresoberfläche dahinter verborgene Abgründe erahnen ließ.

Mozarts Viertes Violinkonzert KV 218 ist ein heiterer Rokoko-Balanceakt zwischen höfischer Grazie und volkstümlicher Süffigkeit

Die erst 22-jährige Violinistin Annette Köhler, derzeit Gaststudentin an der Manhattan School of Music, fand dafür einen freundlich warmen, natürlichen Ton, ohne die Partie mit manierierten Überinterpretationen zu beladen. Ihre Tongebung war homogen und bruchlos, wie man es selten hört: Die Höhe rund und geschmeidig, nirgends künstlich zugespitzt, die Tiefe nicht forciert. Auch der Mittelsatz war gesanglich phrasiert, nie zu dünn oder zu süß. Stellenweise wirkte der betont schlichte, maßvolle Solo-Part aber auch geradezu unauffällig. Von Mozart oft in der Ober- oder Unteroktave mit der Orchestermelodie geführt fügte sich Köhler farbgenau in den Ensembleklang ein und trat bei den Soli recht selbstverständlich und unprätentiös wieder hervor. In den drei Solo-Kadenzen -wurde Köhlers Bogenstrich leichter, der Ton lieblicher und persönlicher. Bei Mozart musizierte eine Kammerbesetzung mit Streichern, Oboen und Hörnern. Agogisch schön herausgearbeitet waren Seufzer-Motive und Subito-forte-Akzente. Zu Anfang gab es noch Ungenauigkeiten im Zusammenspiel der Violinen, was im offen liegenden Mozart-Satz besonders auffällt Esprit und Charme hatte zumal das Rondeau mit seinen überraschungs-Episoden und seinem unerwartet im Piano ausklingenden Schluss.

Unentrinnbar in sich kreiselnde Achtel

Den meisten Beifall bekam Schumanns Vierte Symphonie op. 120, von Hauschild auswendig dirigiert. Hier zeigte die Studentenphilharmonie  ihre Stärken: emotionale Ausdruckskraft, atmosphärische Farbstimmungen, organisch geschlossenes, mitreißendes Musizieren. Gleich zu Beginn ein tragisch in die Höhe ragender Orchesterakkord, packend die unentrinnbar in sich kreisenden Achtel des Leitmotivs. Anmutige Eleganz im Kopfsatz, die Romanze eine anrührende Klage, das Scherzo tänzerisch, aber mit schwermütigem Aplomb. Überwältigend die sich regelrecht  zusammenbrauenden Crescendi, die sich zuletzt im ausgelassen galoppierenden Finale entluden. Eigentlich ein ideales Orchester für symphonische Dichtungen: Liszt, Tschaikowsky, Sibelius, Strauss. Die schwungvolle Zugabe war Dvoraks „Slawischer Tanz“ op.46/8.

ach